„Wir werden wieder zurückkommen“

Der Kapitän Marvin Klass hat mit den Teamgefährten des SV Fellbach unangenehme Wochen hinter sich. Der 28-Jährige analysiert den bisherigen Saisonverlauf – die Verletzungssorgen, Platz neun, die Fehler – und hofft, dass Fleiß und Motivation im neuen Jahr belohnt werden.


02.01.2017

Foto: Patricia Sigerist

Seit 2012 ist der SV Fellbach nach davor achteinhalbjähriger Abstinenz wieder in der zweiten Bundesliga. Seit 2012 ist Marvin Klass in der Stadt. Der nun 28-Jährige, nach seiner Ankunft bald Kapitän, hatte großen Anteil am ligainternen Aufstieg hin zu den Meistertiteln 2015 und 2016; daran, dass die Volleyballer in Fellbach wieder – und in Serie – positive Schlagzeilen produzierten. Der unaufgeregte Anführer hat es dabei tatsächlich geschafft, noch wertvoller zu werden, als er es eh schon war beim SVF. Doch in der laufenden Saison hat eine Verletzungsmisere Marvin Klass und das gesamte Team zurückgeworfen. Der Erste ist nun Neunter. Und der Kapitän muss nach einer Leistenoperation noch Schulterbeschwerden überstehen, die ihn zuletzt ebenfalls zur Pause zwangen. In einem Interview mit unserer Zeitung spricht er über Leidenszeit und Leidenschaft. 


Zuerst: Wie geht es Ihnen im Augenblick?

Mir geht’s gut. Danke der Nachfrage. Über die Weihnachtstage konnte ich mich natürlich gut erholen.

Können Sie zum Trainingsstart an diesem Montag wieder angreifen?

Die physiotherapeutische Behandlung schlägt gut an. Ich ha-

be im Alltag keine Schmerzen mehr und werde die Schulter an diesem Montag mal „antesten“. Drei Wochen Pause waren schon knapp bemessen, ob diese dann gereicht haben, wird sich jetzt herausstellen. Je nach dem, was die Schulter sagt, werden wir dann, gemeinsam mit der medizinischen Abteilung, am Dienstag entscheiden, wie es weitergeht.

 

Sie haben unangenehme Monate hinter sich seit dem Spätsommer. Zunächst die Leistenoperation, heftige Schulterprobleme schon mal den Volleyballsport verflucht in den vergangenen Wochen?

(lacht) Sie haben recht, unangenehm ist das schon. Aber den

Sport verflucht habe ich nicht. Der Volleyball an sich kann ja nichts für meine persönliche oder auch die Mannschaftssituation. Es ist jedoch auch klar, dass es schon Zeiten gab, die mehr Spaß gemacht haben und in denen mir der Sport mehr zurückgegeben hat. Woche für Woche zum Zuschauen verdammt zu sein und, wenn man dann mal auf dem Feld steht, bedingt durch die Verletzungen seiner Form hinterherzurennen, ist nicht die einfachste Übung für ein Sportlerherz.

 

Der beispielhafte Kapitän, davor der beste Spieler im besten Team der Liga, ist derzeit auch im Hinblick auf die Fellbacher Personalsituation beispielhaft. Haben Sie solch eine Verletzungsmisere schon mal erlebt?

Klare Antwort: Nein. Es ist bekannt, dass Verletzungen immer

dazugehören und mit etwas Pech dann auch gebündelt kommen. In den vergangenen Jahren hat es uns teilweise bereits hart erwischt. Ich erinnere mich daran, dass wir neben den Langzeitausfällen von Valters Lagzdins und Tim Kreuzer ebenso oft nur zu siebt oder acht im Training standen. Nur ist das da natürlich durch den Erfolg nicht so aufgefallen, und auch wir konnten das in unseren Köpfen besser ausblenden. Was diese Saison passiert, ist natürlich verrückt. Neben den „großen“ Verletzungen kommen ja auch immer wieder kleine dazu. Da kommt der eine aus einer Pause wieder, da verletzt sich der andere. Es ist wie verhext, wir haben sehr zu kämpfen, eine Stammmannschaft zu finden, geschweige denn, konstant mit denselben Leuten trainieren zu können. Sie haben natürlich recht, dass meine Situation in dem Fall beispielhaft ist. Aber genauso wie ich persönlich, werden wir auch als Mannschaft weiterkämpfen und versuchen, mit der Situation umzugehen und das Beste aus der Saison zu machen.

 

Zählen sie zum besseren Verständnis der Lage doch noch einmal all die Patienten im Meisterteam auf obschon es wohl einfacher wäre, die Gesunden aufzulisten?

Ehrlich gesagt kann ich das nicht. Ich glaube, bei uns hat sich

das Verständnis eines „verletzten“ Spielers deutlich verschoben. Hier zählt man nur noch dazu, wenn man längere Zeit ausfällt. Aber inklusive aller Verletzungen, in denen jemand auch mal nur ein oder zwei Wochen ausgefallen ist, krieg’ ich das nicht mehr zusammen.

Wenn Sie Ursachenforschung betreiben: Worauf ist die Verletzungswelle   zurückzuführen?

Ich denke, dass wir einfach die Quittung für den hohen Auf-

wand der vergangenen Jahre kriegen. Das ist jedoch meine persönliche Meinung. Hier haben wir einfach immer weitergemacht und ein Ziel vor Augen gehabt, das uns dazu verleitet hat, einige Anzeichen auszublenden. Ich denke, das gehört aber zu einem Lernprozess dazu, sowohl für den Verein als auch für uns Spieler.

 

Manchmal fügen sich dabei auch noch auf groteske Weise unglückliche Geschehnisse aneinander. Der Trainer Markus Weiß hat angesichts dessen schon – und nicht ohne Sarkasmus überlegt, ob es nicht besser sei, die Übungseinheiten abzusagen. Herrscht Anlass zur Verzweiflung?

Nein. Wie Sie schon sagten, war das Sarkasmus. Bei uns im

engeren Kreise des Teams herrscht kein Ansatz zur Verzweiflung. Natürlich sind wir uns der Situation bewusst, und auch die vorderen Plätze sind schon lange abgehakt. Aber wir haben immer noch viele gute Spieler in unseren Reihen. Verletzungen hin oder her, gilt es jetzt die kurze Pause zu nutzen, um sich zu sammeln. Im neuen Jahr wird es dann die große Herausforderung für uns, wieder Selbstvertrauen zu tanken, wieder an uns zu glauben und über diesen Weg mehr Konstanz in unser Spiel zu kriegen. Wenn wir das schaffen, kommen wir auch wieder an einen Punkt, an dem die Mannschaft als Ganzes so stark ist, dass wir einige Rückschläge abfangen und unseren Gegnern wieder gefährlicher werden können.

 

Aber ist die Trainingsbelastung auf Dauer vielleicht doch einfach zu hoch neben Studium oder wie auch bei Ihnen – Beruf?

Ich denke, das muss man von Spieler zu Spieler betrachten.

Auch das gehört zum Lernprozess dazu. Man muss erstmal verstehen, dass die Unterschiede, wie man eine solche Belastung physisch und psychisch verkraftet, doch größer sind als gedacht. Wenn man als Einzelner sein Umfeld passend aufgebaut hat, kann man so einen Umfang, denke ich, schon tragen. Wie gesagt, muss man das aber auch im Einzelfall abwägen. Sowohl der Trainingsumfang als auch die Struktur werden jedoch sicher zur neuen Saison neu besprochen werden.

Gerade bei der Struktur haben wir das Training auf einzelne Spieler bereits angepasst. Ein ganz wichtiger Baustein für diese Belastung ist jedoch die medizinische Abteilung. Wir haben eine Belastung ähnlich wie Profisportler. Gerade was die Regeneration angeht, hinken wir jedoch durch die Doppelbelastung weit hinterher. In meinen Augen müsste jeder Spieler die Möglichkeit haben, zwei- bis dreimal pro Woche mindestens 30 Minuten zum Physiotherapeuten zu gehen.

Das haben wir in den vergangenen Jahren verpasst. Über die- sen Weg kann man aber kleine Wehwehchen eindämmen und direkt tätig werden, bevor diese zu größeren Beschwerden oder gar Verletzungen führen. Leider fehlen uns jedoch auch hier die finanziellen Mittel.

 

Professionalisieren ohne finanziellen Ausgleich in der Freizeit: am Abend und an den Wochenenden. Kann das gutgehen?

Professionalisieren hat an sich ja noch keinen genauen Wert,

bei dem man ankommen will. An sich ist das also schon möglich. An dem Punkt, an dem wir angekommen sind, kann man kleine Dinge auch „professionalisieren“. Beispielsweise, dass das Team weniger Aufgaben außerhalb des Feldes zu tragen hat. Oder im Verein selbst das Marketing oder die Spieltagsorganisation aufwendiger zu gestalten. An den Punkt, den wir in unserer Vision haben, kommen wir jedoch nicht mehr nur noch in der Freizeit und ohne jeden Ausgleich. In der ersten Liga kommt auf die Spieler ein wesentlich höherer Aufwand zu. Das kann man nicht mehr nur noch so nebenbei machen.

 

Aus dem Aufstiegskandidaten ist jetzt aufgrund der Begleitumstände ein Abstiegskandidat geworden. Zuletzt hat der SV Fellbach achtmal nacheinander verloren wie lässt sich das aufhalten?

Die Frage habe ich zuvor schon beantwortet, denke ich. Wir

brauchen wieder mehr Selbstvertrauen. Am sportlichen Talent liegt es nicht. Auf jeden Fall ist die Mannschaft hoch motiviert, mit dieser Situation umzugehen. Ich habe es schon oft erlebt, dass bei kleineren Schwierigkeiten Krisen oder Verzweiflung ausbrechen. Was jedoch bei uns im Team passiert, ist bemerkenswert. Besonders was unsere jungen Spieler angeht. Hier gibt es keine Anzeichen von Verzweiflung. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, dass jeder sofort in die Bresche springt, sobald eine Lücke irgendwo aufkommt. Dieser Fleiß und Kampf wird irgendwann auch belohnt werden. Mit etwas Glück können wir ja in der Rückrunde auch auf mehr Spieler zurückgreifen.

 

Sehen Sie beim Meister also Licht im Dunkel vor dem Auftakt 2017 am kommenden Sonntag bei der TG Rüsselsheim II?

Ja, definitiv. Das ist eine der wenigen Mannschaften, die wir

diese Saison geschlagen haben. Wir gehen in jedes Spiel rein, um es zu gewinnen. Auch wenn die Hinrunde nicht gerade unsere Glanzzeit widerspiegelt, gibt es keinen Gegner in der Liga, vor dem wir Angst haben müssen. Somit ist es auch egal, wie viele Rückschläge wir bereits einstecken mussten oder vielleicht auch noch müssen. Aber ich bin mir sicher: Wir werden auf jeden Fall wieder zurückkommen. Sobald wir es schaffen, dass unsere Formkurve wieder nach oben zeigt, werden auch Siege und Erfolg wieder in Fellbach vorbeischauen.

 

Den Ligaverbleib mal angenommen: Was kann man aus dieser Saison mitnehmen?

Zunächst mal bin ich fest davon überzeugt, dass wir in der Li

ga bleiben. Meine persönliche Meinung habe ich ja bereits geschildert. Es ist auch klar, dass die Situation mit sehr viel Pech zusammenhängt. Aber das wäre mir zu einfach dahingestellt. Fehler sind da, um daraus zu lernen. Somit führt in meinen Augen kein Weg daran vorbei, die Saison, vielleicht auch die vergangenen zwei, drei Jahre genau zu analysieren und zu prüfen, ob man aus der einen oder anderen Situation seine Schlüsse ziehen kann. Hier müssen sich alle zusammensetzen.

 

Ein Blick in Ihre persönliche Zukunft: Wird denn der Fellbacher Kapitän auch über diesen Sommer hinaus Marvin Klass heißen?

Das kann ich Ihnen noch nicht beantworten. Ich muss ehrlich

zugeben, dass die Situation aktuell nicht einfach für mich ist. Im September 2017 werde ich dann auch mein duales Studium abschließen. Das ist ein offener Punkt, der in so eine Planung mit herein muss. Fakt ist, dass ich mir Gedanken mache, wie es weitergehen wird. Auf der anderen Seite habe ich jedoch die aktuelle Saison klar im Fokus. Hier haben wir noch einige Aufgaben zu absolvieren, die aktuell Vorrang haben, um die Rückrunde erfolgreich zu Ende zu bringen und dann im Anschluss eben auch die richtigen Schlüsse aus der Saison zu ziehen.

 

Das Gespräch führte Thomas Rennet von der Fellbacher Zeitung


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Hall of Fame

Deutscher Vizemeister: 1998

Meister 2. Bundesliga 1995, 2001, 2015, 2016 

Aufstieg 2. Bundesliga: 2012

Regionalligameister: 2012

Oberligameister: 2011, 2012

Landespokalsieger: 2010

Sieger Süddeutscher Pokal 2014

Landespokalsieger 2015

 

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